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pntOffener
Brief an Julia Onken
Betrifft: Newsletter, Sonderausgabe
11-2009 - Minarett-Initiative
Unterstützung der Stellungnahme des Interreligiösen
Think-Tank
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18. November 2009
Liebe Julia Onken
Auch wir Frauen vom Europäischen Projekt
für Interreligiöses Lernen (EPIL) schliessen uns der Stellungsnahme
des Interreligiösen Think-Tanks an. Uns sind die Rechte der
Frauen, insbesondere in den Religionsgemeinschaften, ein Anliegen.
Auch wir wollen jede Form von Fundamentalismus bekämpfen und
der Stimme und den Interessen von Frauen in Judentum, Christentum
und Islam in der Öffentlichkeit mehr Gewicht verleihen.
Doch es erstaunt uns und wir finden es beschämend,
dass Sie als Feministin Ihr Engagement für die Sache der Frau
auf der Basis der Diffamierung anderer Menschen und ihrer Art, zu
leben und zu glauben, kundtun. Natürlich kennen wir diese Argumentationsweise.
Aber ein Feminismus, der die Stärken der eigenen Position auf
der dunkel gemalten Folie der anderen entwickelt, muss sich die
Frage gefallen lassen, wessen Interessen er eigentlich dient. Noch
dazu, wenn er ohne Kenntnis der anderen religiösen Traditionen
über diese urteilt. So schreiben Sie in Ihrem Newsletter über
den Koran: "Der Koran, der für Moslems als Gesetzesquelle
gilt, schreibt frauenfeindliche und Frauen verachtende Regeln vor,
z.B. Verhüllung des ganzen Körpers, ausser Hände
und Gesicht. Zwangsheirat. Ehrenmord."
Diese Aussagen über frauenfeindliche
Regeln im Koran sind entweder falsch oder entsprechen einer fundamentalistischen
Auslegung, gegen welche sich gerade muslimische Frauenrechtlerinnen
seit Jahren entschieden wehren. Der Koran gibt keine Anweisungen
für die von Ihnen genannten frauenfeindlichen und -verachtenden
Praktiken! Dass es - wie im Christentum auch - viele Kulturverschmelzungen
gab und gibt, die Religion beeinflussen und patriarchalisieren,
ist hinreichend bekannt. Auch die christliche Tradition nimmt frauenfeindliche
kulturelle Praktiken auf und legitimiert sie. Sie wissen bestimmt,
wie lang es gedauert hat, bis Frauen in der christlichen Botschaft
Befreiendes entdeckt haben und wie viel Arbeit - trotz Fortschritten
- noch nötig ist, damit alle christlichen Kirchen frauenfeindliche
Praktiken überwinden oder damit Gewalt gegen Frauen nicht mehr
zur Normalität des Geschlechterverhältnisses gehört
(dagegen protestieren Frauen weltweit in der nächsten Woche).
Macho-Kultur und Missstände in den muslimischen
Gemeinschaften bei uns, wie z.B. Zwangsheiraten, müssen selbstverständlich
bekämpft werden (und sie werden in unserem Land mit den geltenden
Gesetzen und von vielen MuslimInnen selbst bekämpft). Gerade
deshalb ist es wichtig, die Moscheen aus den Hinterhöfen ans
Licht der Öffentlichkeit zu bringen, sie sichtbar zu machen.
Sichtbarkeit und Erkennbarkeit, z.B. durch Minarette, erzeugen soziale
Kontrolle und Transparenz, was den Frauen nur dienlich ist.
Inakzeptabel ist Ihre Unterstellung, Muslime
bei uns würden die geltende Rechtsordnung nicht einhalten,
wenn Sie schreiben: "Der Bau von Minaretten ist dann kein Problem,
wenn die moslemische Bevölkerung die westliche Rechtsordnung
vollumfänglich respektiert. Im Moment sind wir weit davon entfernt."
Mit diesem diffamierenden Angriff auf die muslimischen Gemeinschaften
bei uns, die seit Jahren Teil unserer demokratischen Gesellschaft
sind und unsere Rechtsordnung respektieren, mit dieser Aufspaltung
in "wir" und die "anderen" erweisen Sie gerade
den muslimischen Frauen einen Bärendienst. Diffamierende Angriffe
und Ausgrenzungen bewirken nämlich nur einen Rückzug aus
der Gesellschaft, eine noch stärkere Rückbesinnung auf
konservative Positionen und Geschlechterrollen oder geben gar den
frauenfeindlichen Kreisen unter den Muslimen Auftrieb, schaden also
den muslimischen Frauen statt dass sie ihnen nützen. Das kann
ja wohl nicht das Ziel von Feministinnen sein.
Sie können selbstverständlich für
die Annahme der Minarettverbotsinitiative werben. Sie können
sich aber nicht zugute halten, damit gegen die Unterdrückung
von muslimischen Frauen zu kämpfen. Im Gegenteil. Zudem ist
dies eine neue Art der Bevormundung durch ChristInnen, diesmal im
Namen der Frauenbefreiung. Natürlich gibt es unter den vielen
muslimischen Frauen auch solche, die unterdrückt werden - wie
unter den christlichen Frauen auch. Ein Minarettverbot hilft hier
aber ganz sicher nicht weiter. Das einzige, was alle Frauen weiterbringt,
ist Öffentlichkeit. Öffentlich und selbstbestimmt müssen
Frauen aller Religionsgemeinschaften hier leben, arbeiten und ihren
Glauben bekennen können - so, wie sie es wollen und wünschen.
Dazu brauchen muslimische Frauen in der Schweiz das Gespräch
mit anderen Frauen, auch mit Feministinnen, und deren Solidarität
mit ihren Anliegen und jenen ihrer Gemeinschaften. Davon ist in
Ihrem Aufruf leider nichts zu spüren.
Mit freundlichen Grüssen
Reinhild Traitler-Espiritu Teny Pirri-Simonian
Vorstandsfrauen des Europäischen Projekts für Interreligiöses
Lernen, EPIL
Voltastr. 27, 8044 Zürich, Schweiz, Tel. 0041 44 262 4766,
mail: epil.ch@hispeed.ch
EPIL International Board: Prof. Dr. Ulrich
Becker, University of Hannover, president, Azra Ceric, Sarajewo,
vice-president, Dr. Emel Brestrich, Koycegüz, Turkey, Dr. Dima
Dabbous, Lebanese American University, Beirut, Rev. Barbara Heyse-
Schaefer, Evangelische Frauenarbeit in Österreich, Wien, Dr.
Manuela Kalsky, Dominican Study Centre, Nijmegen, Catherine Gyarmathy,
Ecumenical Forum of European Christian Women, Zürich,
Rev. Walter Lüssi, Boldern-Männedorf, Teny Pirri-Simonian,
M.Sc., EPIL Coordinator, Nyon, Dr. Reinhild Traitler-Espiritu, EPIL
Coordinator, Zürich.
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